"Bournville" – britische Gegenwartsliteratur von Jonathan Coe
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© Folio Verlag |
Die Krönung Elizabeths II., Wembley 1966, der „Schokoladenkrieg“
zwischen England und der EU, James Bond und Prinzessin Diana, Brexit und
Pandemie – das sind einige der Fixpunkte im langen Leben der Mary Lamb und
ihrer weitverzweigten Familie. Mary ist Herz und Zentrum dieses Romans, als
Tochter, Mutter und Großmutter. Das Beispiel von Marys Familie zeigt die
Zerrissenheit Englands und gleichzeitig dessen Fähigkeit, in Krisensituationen
zusammenzustehen. Nationalismus, latenter Rassismus, Tories oder Labour – die
politischen Konflikte ziehen sich auch quer durch die Familie Lamb. Vielstimmig
hören wir von Träumen, Enttäuschungen, aber auch vom Glück und der Liebe, die
von Mary und den Ihren in der Kleinstadt Bournville gelebt werden.
Mein
Eindruck:
Als
anglophiler Britpopverehrer und verkappter Anhänger der Windsors, war ich natürlich
neugierig, was Autor Jonathan Coe über die Briten und ihre Eigenarten zu berichten
weiß. Der Klappentext liest sich überaus spannend und verheißt einiges, doch so
viel sei vorweggenommen, leider hat er nicht alle Erwartungen halten können.
Die
historischen Eckpunkte, die er gewählt hat, um uns den jeweiligen Zeitgeist
etwas näher zu bringen, waren gut gewählt. Auch wenn man einige vielleicht
persönlich nicht miterlebt hat, sind sie einem dennoch nicht fremd und man kann
sich gut in die jeweils vorherrschende Stimmung hineinversetzen. Dieser andere
Blickwinkel ist nicht nur überaus interessant, sondern auch informativ, denn
vieles wird bei uns tatsächlich anders wahrgenommen.
Leider gibt
es auch ein paar Kritikpunkte. Die Auswahl der Akteure ist gelungen und auch
wenn die Stammbäume sehr ausladend und teilweise verwirrend sind,
repräsentieren sie doch einen breiten Querschnitt der Gesellschaft. Ob es nun
an der Menge der Figuren oder ihrem Wesen lag, vermag ich so nicht zu sagen,
aber ich bekam zu keinem von ihnen wirklich einen Draht. Zugegeben, manche
waren sympathischer als andere, dennoch blieben sie für mich eher flach. Ein
anderer Punkt, der mich ziemlich gestört hat, war der angekündigte Humor.
Entweder waren meine Antennen nicht fein genug gestellt oder es war einfach
nicht die Art von Humor, mit der ich etwas anfangen kann. Ob nun ein wirklich
geschmackloses Schäferstündchen bei einer Jahrhundert-Beerdigung oder das
Corona-Klopapierhamster-Phänomen im deutschsprachigen Raum – Humor ist für mich
etwas anderes. Ich weiß, Kunst soll manchmal anecken, provozieren und
überspitzen, aber in diesem Roman ist das für mich einfach nicht gelungen
umgesetzt. Vielleicht bin ich nicht subtil genug für diese Art Literatur, aber
ich habe mir ehrlich gesagt mehr erwartet. Doch das sollte jeder für sich selbst
entscheiden.
Vielen Dank
für das Leseexemplar
Mehr
Details zum Buch:
Titel: Bournville
Autor: Jonathan
Coe
Verlag: Folio
Verlag
Seiten: 409
Preis: 28,00€
(Print) / 19,99€ (Ebook)
Erschienen: 08/2023
Genre: Britische
Gegenwartsliteratur
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